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24. August 2025

 

 

 


 

 

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BBU-Wasserrundbrief Nr. 1237, 8. August 2025

 

Pestizid- und Agrarlobby für
„Trendumkehr“ in der Pestizidzulassung

 

Die Pestizidbranche pocht immer stärker darauf dass die Restriktionen bei der Zulassung von Pestiziden zurückgenommen werden sollten. Es sei fatal, dass die EU-Kommission bei den „Pflanzenschutzmitteln“ in den letzten Jahren einen „Kahlschlag“ vorgenommen habe. Die EU-Kommission sei mit ihre rigider werdenden Pestizidzulassungs-politik irrsinnigerweise dem Votum der Umweltverbände gefolgt:

Wer selbsternannten Experten von NGOs ohne jede wissenschaftliche und praktische Expertise sowie unlauteren Motiven mehr Vertrauen schenkt, als echten Experten aus der Forschung, der Industrie und bäuerlichen Betrieben, fährt zwangsläufig an die Wand“,

zitierte die österreichische Ausgabe von top-agrar am 21.05.25 einen Spitzenfunktionär der dortigen Pestizid-Lobby. Der „Kahlschlag“ bei der immer geringer werdenden Zahl der zugelassenen Pestizide werde auch „zu einem Kahlschlag bei den Kulturen“ führen. Bei immer mehr Kulturen werde sich der Anbau für die LandwirtInnen nicht mehr lohnen, da sich bei dem geringer werden Spektrum von Pestizidwirkstoffe die Kulturen nicht mehr wirksam vor Schadinsekten, Pilzen und Unkräutern schützen lassen würden. Paradebeispiel für diese Entwicklung sei der Rapsanabau: Während 2015 der Anbau von Raps noch auf rund 37.500 ha erfolgt sei, werde Raps derzeit in Österreich nur noch auf 20.000 ha angebaut. Der Raps sei somit zu einer „Symbolkultur der verfehlten EU-Agrarpolitik“ geworden. [Zur Erklärung: Der Rapsanbau »leidet« daran, dass Neonicotinoide zur Schädlingsbekämpfung auf den gelb blühenden Rapsfeldern nicht mehr zugelassen sind – s. RUNDBR. 1171/3-4.]

Deutschland und Europa gehen
die Pflanzenschutzmittel aus“
 

Im Hinblick auf den zuvor erwähnten „Wirkstoffverlust“ hatte bereits anlässlich der „Grünen Woche“ in Berlin der Industrieverband Agrar (iva) am 16. Januar 2025 gewarnt: „Deutschland und Europa gehen die Pflanzenschutzmittel aus“. Um dem politisch getriggerten Verlust wirksamer Pestizidwirkstoffe entgegenzuwirken, müsse die neue Bundesregierung „innovationsfreundliche, unbürokratische Zulassungssysteme“ gewährleisten und eine „europäische Harmonisierung statt nationaler Sonderwege“ anstreben Die Fehlentwicklung bei der Pestizidzulassung sei daran zu erkennen, „dass seit 2019 kein neuer chemischer Wirkstoff mehr zugelassen“ worden sei, „während 76 chemisch-synthetische Wirkstoffe weggefallen“ seien. Im Ackerbau könne man bei einem massiven Schädlingsbefall eine hinreichend stabile Ernte nur noch mit „Notzulassungen“ sicherstellen.

Hinter diesem Trommelfeuer von Mahnungen wegen der „Wirkstoffverluste“ steht latent immer der Vorwurf, dass die Politik mit ihrer vermeintlichen Unterwürfigkeit gegenüber den Umwelt-NGOs die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln gefährden würde. Zumindest beim zuvor erwähnten Rückgang der Rapsanbauflächen wäre allerdings anzumerken, dass in Deutschland „zuletzt praktisch die gesamte Menge an Rapsöl, die auf den Feldern erzeugt worden ist, in die Herstellung des Biodiesels geflossen“ ist. Der heimische Rapsanbau dient also nicht der Versorgungssicherheit mit Lebensmittelölen – sondern mehr dem guten Gewissen von „Biodiesel“ tankenden SUV-FahrerInnen.

Wie die Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen (UFOP) am 30.04.25 berichtet hat, wurden hierzulande im Jahr 2024 etwa 1,45 Mio. t Rapsöl zu Agrodiesel verarbeitet. Die deutsche Agrodieselindustrie „sei damit der wichtigste Kunde für den heimischen Rapsanbau“.

Der Agrodiesel aus Rapsöl hatte 2024 laut UFOP in Deutschland einen Anteil von 53,1% an den Beimischungen mit „Biodiesel“. Auf dem zweiten Platz rangierten Altspeisefette mit 24%, gefolgt von Sojaöl mit 15 %. Tierische Fette, die seit 2021 als Rohstoff in der deutschen Agrokraftstoffproduktion angerechnet werden, nahmen einen Anteil von 2% ein. Dagegen spielt Palmöl für die hiesige Kraftstoffverwendung keine Rolle mehr, denn der betreffende Palmölsprit wird seit 2023 nicht mehr auf die Erfüllung der Treibhausgasquote angerechnet (vgl. 1171/3-4).

Zur Ehrenrettung der Konversion der gesamten deutschen Rapsernte in Agrotreibstoffe muss angefügt werden, dass bei der Verarbeitung von Raps zu Agrodiesel auch „rund 2,2 Mio. Tonnen Rapsschrot“ als „Koppelprodukt“ anfallen. Rapsschrot ist lt. UFOP „die heute mit Abstand wichtigste gentechnikfreie Proteinquelle in der Milchviehfütterung“ – soll heißen, dass das heimische Rapsschrot den Import von Sojaschrot aus den USA und Brasilien nicht ersetzt, aber immerhin deutlich reduziert (mehr dazu im RUNDBR. 1171/3-4).


Der BBU-WASSER-RUNDBRIEF berichtet regelmäßig über die Angriffe auf die kommunale Daseinsvorsorge. Interessierte können kostenlose Ansichtsexemplare anfordern.
Clip-Fisch 2

 
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